Reise nach Költschen

Ostern 2009 habe ich den Geburtsort meines Urgroßvaters in Polen aufgesucht. Ich war bereits in den 90ern dort und wollte unbedingt nocheinmal mit einer Kamera ausgerüstet dorthin fahren. Ich war damals schon total überrascht, wie die Polen dort heutzutage leben. Man hatte den Eindruck einer Zeitreise in das letzte Jahrhundert. Nach einer langen Fahrt auf einer gut ausgebauten aber kaum befahrenden Landstraße erreichten wir Költschen. In Költschen fanden wir so gut wie keine Neubauten vor und konnten uns grob vorstellen, wie unsere Vorfahren hier gewohnt haben könnten.

Auf einer Gedenktafel auf dem Kirchengrundstück in Kötschen fanden wir folgenden Text über den Ort:

Die ältesten Siedlungsspuren auf dem Gebiet von Költschen wurden beim Bau der Eisenbahnlinie entdeckt. Die Siedlung wurde auf das 9. bis 10. Jahrhundert datiert. Die erstmalige Erwähnung des Ortes stammt aus einem Dokument des Posener Bischofs Boguphal von 1251, in dem Költschen (Colcino) als Besitz des Templerordens von der Kommende in Großdorf (Magna Villa). Die Verleihungen an den Templerorden stammten in dem schlesisch-großpolnisch-brandenburgischen Grenzgebiet vom großpolnischen Herzog Wladyslaw Odonicz sowie dem schlesischen Heinrich I. (Bärtgien) sowie von den schlesischen Adligen wie z.B. Mrochko (Mrotsek). Dorkirche Költschen 1314 wurde in einem Dokument, das für das Zisterzienserkloster in Obra ausgestellt wurde, der Dorfschulze von Költschen genannt, was davon zeugt, dass das Dorf nach deutschem Recht geordnet war. Das Landbuch von 1375 nennt Költschen im Sternberger Land als Lehen der Ritterfamilie von Lossow bekannt für Raub und Gewalt auf den Verkehrswegen der Region. Am 25.05.1399 wurde in Költschen im Beisein von 13 Zeugen der Friedensvertrag zwischen der Stadt Landsberg und dem Liegnitzer Herzog Ruprecht geschlossen. Ab dem 15. Jahrhundert gehörte Teil des Dorfes der Familie von Waldow. Die Pfarrkirche in Költschen existiert sicherlich bereits im 13 Jahrundert, die älteste Erwähnung dieser Tatsache befindet sich in einem Dokument von 1466 als der Pfarrer Matthias in Kolczino vel Kyelzina. Der Ort lag in den Grenzen des Bistums Posen. In der Reformationszeit wurde die Kirche von der evangelischen Gemeinde übernommen. Die heutige Kirche wurde 1776 erbaut, vermutlich an der Stelle der früheren Kirche. Auf dem kirchlichen Boden wurde der Friedhof errichtet, der im 19. Jahrhunder südlich des Dorfs verlegt wurde. Die Költschener Güter waren in einigen adligen Grundbesitzungen aufgeteilt. 1747 befand sich eines der Güter in der Hand der Stiftung des Züllichauer Waisenhauses. Die Dorfeinwohner beschäftigten sich vor allem mit der Fischerei (23 Familien), im geringen Maß mit Feldbestellung (16 Familein) und Zeidlerei. 1772 wird in der Ortschaft Grundbesitz der Familen von Reitzenstein aus Hammer, sowie Ernst Christian von Waldow und Ernestine von Reitzenstein genannt. Seit dieser Zeit war Költschen eng mit diesem Grundbesitz verbunden, genauer gesagt mit dem auf ihrer Basis errichteten Majorat in Reitzenstein (pol. Kielpin). Von den 70-er Jahren des 18. Jahrhundert wurde m Zuge der Trockenlegung des Warthebruchs in dem Ort Holländer angelegt, was das originäre Funktions- und Raumgefüge veränderte. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es in Költschen 80 Zweiraum-Fachwerkhäuser mit insgesamt 397 Einwohner. Im Dorf wurden zu dieser Zeit auch die Kirche, Schmiede, Windmühle und ein Armenhaus verzeichnet. Teil der Bevölkerung beschäftigte sich mit dem Landbau, darunter wurden verzeichnet: 1 Bauer, 19 Kossäthen, 2 Häusler und 31 Kleinhäusler. Ärmere Einwohner, zusätzlich beschäftigten sich ca. 20 Personen mit der Fischerei, waren mit der Torfabbau aus den hiesigen Lagerstätten beschäftigt. 1915 wurde die Eisenbahnliniee Landsberg – Küstrin mit einer Bahnstation in Költschen, süd-östlichen Teil des Dorfes, gebaut. Heute ist die Bahnlinie in diesem Abschnitt ausser Betrieb und das Bahnhofsgebäude dient für Wohnzwecke. Der Bau der Bahnlinie trug zur Entwicklung der wirtschaftlichen Aktivitäten und damit auch des Wohlstandes der Einwohner bei. Im Dorf gab es eine Kirche, die Schule, Post, einen Gasthof und Polizeiwache und kurz vor dem Krieg auch ein Landjahrhaus, in dem die Jugendlichenwohnten, die bei der Instandhaltung der Meliorations- und Hochwasseranlagen eigesetzt wurden. Aus Költschen stammte Johann August Koberstein, der in den 20-er Jahren des 19. Jahrhunderts Fabrik von Ledererzeugnissen in Landsberg, die bis 1945 aktiv war, gründete. Berühmt wurde die 1934 in Költschen geborene Theater- und Filmschauspielerin, Sängerin und Malerin, Eva-Maria Hagen, geb. Bucholz. Sie war unter anderem mit dem Berliner Ensemble und bekannten Filmproduktionsfirmen verbunden. Vor dem zweiten Weltkrieg war Költschen eine selbständige Gemeinde. 1939 lebten hier 944 Menschen in 229 Höfen. Nach 1945 kamen an Stelle der deutschen Einwohner die umgesiedelten Polen aus den Gebieten um Lemberg (pol. Lwow), Ternopil (Tarnpol), Vilnius (Wilno) sowie aus Zentralpolen ein. In den Jahren 1945 – 1955 war Költschen Sitz der Gemeindeverwaltung und bis 1972 des Präsidiums des Nationalen Gemeinderates (Gemeindetag). Ab 1973 ist Költschen Schhulzendorf in der Gemeinde Krzeszyce. Seit 1946 ist Költschen Sitz der Pfarrgemeinde der Römisch-Katholischen Kirche, 1951 geweiht als Stanislaw-Kostka-Pfarrgemeinde."

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